Say Something | Sag Etwas #1 mit Markus Oberndorfer

Ruhig durchatmen. Eine Taste drücken, dann die Nächste, Schritt für Schritt einem Text entgegen, der einen Wendepunkt markiert. Einen Wendepunkt in unserer erst sehr kurzen, aber irgendwie zumindest für mich ziemlich aufregenden Geschichte.

Einer Geschichte die vor noch nicht mal vier Monaten begann und hoffentlich noch mehr als ein dutzend Weitere andauern wird. Nach den ersten Schritten haben wir uns mit Gewinnspielen für Pralinen über Poster bis hin zu Festivalpässen die ersten Freunde gemacht, mit den wunderbaren Arbeiten von Jasmin Schuller unsere erste eigene Entdeckung durch die Blogosphäre geschickt und sind heute an einem Punkt angekommen, wo wir wissen, dass wir noch mehr wollen.

Das Verschwinden

Say something / Sag etwas #1

Dieses Mehr beginnt am Atlantischen Meer, zieht über die Alpen um sich in der Nähe eines Stausees zu verlieren und beginnt mit den wunderbaren Arbeiten von Markus Oberndorfer, der uns die Ehre erwiesen hat unser erster Teilnehmer für unser etwas andere Interview Reihe namens Say Something/Sag Etwas zu sein.

In dieser Reihe stellen wir euch Künstler und ihr Werk vor, bitten sie aber anstatt uns Fragen zu beantworten, die sowieso kein Mensch liest, ein Statement abzugeben. Anstatt also alle Betroffenen mit banalen Frage-Antwort Spielen zu quälen, die für die Wenigstens etwas ergiebiges bereit halten, übergeben wir an die Künstler und lassen sie frei aus der Seele sprechen, die einzige Herausforderung oder Möglichkeit an dem Experiment ist, dass die Künstler für ihr Statement eine Ausdrucksform wählen die nicht ihrem “normalen künstlerischen” Ausdruck entspricht. Was das in Markus’ Fall bedeutet findet ihr am Ende dieses Artikels.

Das VerschwindenDas Verschwinden

Das Verschwinden | Gefühlter Raum

Lange habe ich nachgedacht wie ich Markus vorstellen sollte, dann habe ich mich für diesen von ihm selbst geschriebenen Text entschieden, beschreibt er doch so vorzüglich was mich an seinen Bildern so fasziniert.

Was meine Fotografie betrifft, ist diese ein Dokumentieren des Vorgefundenen, in dem es meist eher um den von mir gefühlten Raum in Anwesenheit eines oder mehrerer Objekte geht, als um das abgebildete Objekt selbst (obgleich dieses Objekt sicherlich der Grund dafür ist, dieses Foto überhaupt zu machen). (…)
Mein Ziel ist, den Betrachter im besten Fall in ein Bild und in weiterer Folge in meine Geschichte eintauchen zu lassen. Wenn er dies zulässt und es ihm gelingt, stellt er womöglich fest, dass er dabei auch in seine eigene Geschichte eingedrungen ist.

Das VerschwindenDas Verschwinden

Nämlich die Art und Weise wie sie Platz lassen, für Gedanken, für Träume, für Gefühle. Sie setzten einen Rahmen, einen Schauplatz den dann der Betrachter mit Bedeutung füllen kann. Markus überlässt dem Konsumenten seiner Kunst die Möglichkeit welchen Weg er gehen möchte. Ob er in den wunderschönen Aufnahmen des Atlantikwalls um Cap Ferret die in Vergessenheit geratenen, langsam zerbröckelnden Mahnmäler des Krieges bemerken oder sich lieber in den Ruhe ausstrahlenden, menschenleeren Küstenlandschaften, und die mit Graffiti überzogenen Ruinen verlieren möchte.
Was auf den ersten Blick allein fürs Auge bestimmt zu sein scheint, entpuppt sich nach näherer Betrachtung als ein durchaus kritische Beleuchtung des menschlichen Umgangs mit seiner Umgebung und Vergangenheit.

Das VerschwindenDas Verschwinden

Über fünf Jahre hinweg dokumentiert er, wie die Zeugen der Zeit, in Beton gegossen und auf Skelette aus Stahl gestützt, stetig von Strömung und Wind sowohl in ihrer Beschaffenheit, als auch ihrer Lage verändert werden. Wie uralte Schildkröte wandern sie über Jahre hinweg gemächlich über den Strand, verschwinden nur um später wieder neu aufzutauchen oder niemals wiederzukehren.

Graubünden | Sichtbarer und “nicht sichtbarer” Raum

Graubünden

Dass er nicht nur auf einer Hochzeit tanzt beweist Herr Oberndorfer nicht nur mit seinen preisgekrönten Stop-Motion Filmen, die ich euch ein anderes Mal, zusammen mit Informationen zu seinem Ende des Jahres erscheinenden ersten Bildband, näher bringen werde, sondern auch mit seinen anderen photographischen Arbeiten.

GraubündenGraubünden

In Graubünden sind die Räume der Betrachtung deutlich gewachsen, der Betrachter hat sich vom Objekt oder eher der Ahnung / Andeutung des Objekts entfernt und wird damit bestärkt den großen, fast leeren, nur vage gefüllten Raum mit seinen eigenen Geschichten zu füllen.

Traces | Im Stich gelassene Gebäude

Traces

In seinen Filmen sieht man Markus’ Nähe zur Grafitti und Streetart Szene sehr deutlich, so auch in seiner mehrteiligen Reihe Traces, in der er durch “im Stich gelassene Gebäude” zieht und die Neunutzung des frei gewordenen Raumes dokumentiert.

TracesTraces

Er zeigt damit faszinierende Bilder einer kleinen Gegenwelt, in die Gebäude und Menschen vorübergehend eintauchen wenn sie ihre Funktion oder Daseinsberechtigung innerhalb der Gesellschaft verloren haben.

Kaprun | Aufgestaute Geschichte

Kaprun

Um Vergangenheit und ihre Aufarbeitung dreht sich auch der letzte Werkzyklus den ich euch vorstellen möchte. Durch seine einzigartige Architektur und seine majestätische Größe schon beeindrucken genug, wird der Stausee von Kaprun durch die genaue photographische Inszenierung eingefroren. Ein Ort der durch seine Geschichte und seine Ausmaße alles andere als Ruhe ausstrahlt, wird durch die sorgfältige Auswahl auf einmal zu einem Ort der Ruhe und Nachdenklichkeit.

KaprunKaprun

Kaprun

Stellenweise stark an die Kiesgärten japanischer Zen-Klöster erinnernd, laden die Fotos dazu ein sich in ihnen zuerst zu verlieren, und sie bei einem zweiten, vielleicht etwas kritischeren Blick mit Bedeutung und Geschichte anders zu beurteilen.

KaprunKaprun

Kaprun

Besonders an dieser Arbeit ist auch das Auftauchen einer Person. Die sonst fast immer menschenleeren Landschaften oder Räume, werden hier durch einen einzelnen Arbeiter durchbrochen, wie ein Relikt aus einer anderen Zeit mahnt er daran nicht zu vergessen, wie all das vermeintlich Schöne durch viel Leid und Schmerz von Menschenhand geschaffen wurde.

Say Something | Sag Etwas mit Markus Oberndorfer

Was vielleicht noch erwähnenswert wäre bevor wir zu Markus feinem Beitrag in Form von einem selbstproduzierten, und von Manni Montana fein gemasterten Track kommen, ist, dass Markus alles oben gezeigte analog fotografiert und in der Dunkelkammer selbst entwickelt hat. Richtig schönes Handwerk mit einem künstlerischen Blick für die Feinheiten, aber was erwartet man sich von jemanden, der aus dem gleichen Dorf kommt, wo Thomas Bernhard lange Zeit gelebt hat. In diesem Sinne einen riesen Dank an Markus für den feinen Beitrag und die geilen Fotos, von denen ich eines seit kurzer Zeit als Desktophintergrund verwenden und lieben darf.

Hier jetzt nun endlich der Track, den Markus mir zusammen mit einem sehr schönen Zitat von Andy Goldsworthy geschickt hat.

“Total control can be the death of work”



“you cant photograph people like that … this is a public place, everyone has the right to be left in peace…”


“i’m only doing my job, some people are bullfighters, … i’m a photographer”


“its not my fault if there is no peace”

Die verwendeten Samples schaffen im Zusammenspiel mit der Musik genau das, was ich mir von diesem Projekt erwartet habe, sie drücken etwas für den Künstler wichtiges in einem Medium aus, das er normalerweise nicht benützen würde und ermöglichen damit einen neuen Zugang für den Konsumenten.

All images © Markus Oberndorfer

2 Kommentare

  1. Eva Perla

    29. Juli 2011 um 17:51

    Tolle Bilder, toll in Worte gefasst. Bin gespannt wie es weitergeht mit der Say something Reihe.

  2. lens

    7. August 2011 um 17:35

    danke nochmals für den support. wirklich gut geschrieben und zusammengefasst. chapeau!

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